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Projekt Sein – Nichts

(2003)

für variable Musikwerke, Zuschauerraum, black-box, Spezialwände, Lichtinstallation und 5 Instrumentalisten.
Uraufführung am 11.-15.12.2003, Shedhalle Zürich.
Weitere Aufführungen 6+7.02.04 Spinnihalle Baar, WorldNewMusicDays 04'.

Werkinformation (2003)



Sein – Nichts befasst sich mit der Kunstsituation an sich und deren Auflösung in verschiedenen Ebenen. Ausgehend von der klassischen Konzertsituation - den Kunstobjekten 'Interpret' und 
'Musikwerk' - wird das Objekt im Verlauf der Performance aufgelöst.
Die Raumsituation um das agierende Kunstobjekt 'Interpret' zerfällt, es selbst verschwindet 
auf visueller und musikalischer Ebene. Die normalerweise passiven Zuschauer werden zum 
aktiven Teil der Performance und geben damit den Weg frei zur weiteren Bewegung ins 
Nichts: dem kompletten Entgleiten des Raums bis zur Wahrnehmungsgrenze und der 
Auflösung des Begriffs 'Musikwerk'. Der 'Zuschauer' steht als Mittelpunkt im ansonsten kunstleeren Raum.

Ausführende


Blackbox






Umgebung





Raum 1



Künstlerische Leitung/Idee/Realisation


Patrick Frank

Bühnenbildplanung, -Bau


Michel Schranz

Bühnenbildbau

Thomas Rutz

Weitere Aufbaukräfte


Alessandra Frank
Serena Schranz
Oliver Sottas
Pierre-Alain Pignolet
Thea Schranz

Lichttechnik


Peter Hauser

Musiker


Saxophone: Rico Gubler
Violoncello: Imke Frank
Percussion: Sebastian Hofmann
Live-electronics: Gary Berger
Gamma-Synthesizer: Judit Polgar

Presse

Thomas Meyer, Dissonanz Nr. 85, März 2004
. Musik um Sein und Nichtsein.


Zappenduster wars. Am Ende kehrt man aus der Black Box (War die Musik dort eigentlich zu Ende? Sie klang doch immer noch nach!) in den Konzertraum zurück, in dem man zuvor sass. Der Raum ist wieder intakt, ist hell, nur die Stühle sind umgekehrt, nicht mehr aufs Solistenpodium ausgereicht, sondern auf die erleuchtete Rückwand. Die Leute setzen sich nochmals, richten sich ein, warten, sehen die Wand an, dann einander und schliesslich gehen sie. Ob sie noch applaudieren bei diesem offenen Ende? Vielleicht, aber es ist nicht vorgesehen, nicht wichtig.


Damit kommt das Stück, diese 'Konzert-Performance', zu seinem logischen Ende, das 'Projekt I', Sein/Nichts der 'Projektreihe für Klangkunst traute'. Nicht im Dunkel der erloschenen Lichter und der geschlossenen Augen erfährt man das Nichts, sondern erst zenmässig klaren Blicks vor der leeren Wand. Beim Hinausgehen wird einem ein Blatt in die Hand gedrückt, auf dem die Daten zu Erlebtem nachgetragen werden. Von wem die Stücke stammten, die man hörte: von Helmut Öhring (Cayabyab), Gary Berger (zah), Edu Haubensak (Gestes) und Patrick Frank. Wer sie spielte: Rico Gubler, Saxofone; Imke Frank, Violoncello; Sebastian Hofmann, Percussion; Judit Polgar am Gamma-Synthesizer und Gary Berger, Live-electronics. Wer steht dahinter: Michel Schranz, Bühnenbild, und vor allem Patrick Frank, der 1975 geborene Zürcher Komponist, von dem die Idee stammt und der das Ganze realisiert hat.


Zu Beginn hatte man ein ähnliches Blatt erhalten, auf dem Nichts stand. Mit der andert-halbstündigen Performance also hat sich das Blatt mit der Erfahrung gleichsam gefüllt, und diese doppelt gegenläufige Bewegung, hin zur gefüllten Erfahrung, hin zur leeren Wand, macht eigentlich das Wesen von Sein/Nichts aus. In den Worten von Patrick Frank: Das Stück 'befasst sich mit der Kunstsituation und deren Auflösung auf verschiedenen Ebenen. Ausgehend von der klassischen Konzertsituation - nämlich den Kunstobjekten 'Interpret' und 'Musikwerk' - wird das Objekt im Verlauf der Performance aufgelöst'.


Es ist der alte Traum der Entgrenzung von Kunst und Musik: Plötzlich öffnet sich die Decke, der Himmel wird über dem Konzertsaal sichtbar, und die Vögel musizieren mit den Orchester-instrumenten. Es ist ein Traum, dass die Kunst aus den ihr vorbehaltenen Räumen ausbricht und mit dem ebenso himmlischen wie irdischen Alltag mischt, auch, dass sie dabei endet und das Hören vielleicht selber zur Kunst, zur Erfüllung wird und nicht mehr so sehr auf ein Objekt gerichtet ist. Dieser Traum wird hier neu dargestellt. Zunächst - mit Öhring - erlebt man eine gewohnte Konzertsituation, dann aber - bei Berger - stürzt die linke Seitenwand um. Ihr Fall ist abgedämpft. Man erschreckt nicht wirklich, ist aber überrascht. Später dann - in Franks erstem Stück für die Situation - gerät die rechte Seitenwand in Schräglage - und deutet an, dass der Fall der ersten kein Unfall war. Nach diesem dritten Stück verschwinden die Musiker, das Podium wird leergeräumt. Was jetzt? In diesem Moment funktioniert die Performance nicht: Eine Stimme bittet aus dem Lautsprecher, das Publikum möge sich bei der beleuchteten Stelle hinausbegeben. Ohne Bühnenanweisung kommt sie also nicht aus; das ist eigentlich schade. An diesem Punkt ist das Ganze nicht so zwingend, als dass das Publikum selber auf diese Lösung käme. (Es ist auch das Manko einer Low-Budget-Produktion, die sich nicht alles leisten kann.)
Von diesem hellen Konzertraum gelangt man nun in die Black-Box, in deren Mitte nur ein leeres Glas steht. Das Publikum setzt sich darum herum, blickt sich an, dann erklingt Musik - Haubensak - von draussen. Eingeschlossen. Die Interpreten: verschwunden. Zur Leere, zum Nichts tendiert die Kunst in dieser Performance: 'Die Raumsituation um das agierende Kunst-objekt 'Interpret' zerfällt, es selber verschwindet auf visueller und musikalischer Ebene', schreibt Frank. Gleichzeitig aber gewinnt das Sein an Intensität, nennen wir es hier, da es um Musik geht: das Hören, die Aufmerksamkeit. 'Der 'Zuschauer' steht als Mittelpunkt im ansonsten kunstleeren Raum.' Er hört Franks eigenes für den Raum.


Allmählich wird es dunkler. Patrick Frank erzählte in einem Gespräch, dass er einst ein Astronomie- und Philosophiestudium begonnen habe, es aber der Musik zuliebe abbrach. Ihn interessierten nicht die Sonne, sondern die endlose Weite des Kosmos. Er studierte in Zürich zunächst Klavier, dann Komposition bei Gerald Bennett und Thomas Müller, jetzt noch Musiktheorie. Etwas freilich von diesen kosmischen Dimensionen - so findet er selbst - steckt auch in seiner Musik, fernab übrigens von jeder Astrologie oder Esoterik. Unter anderem in jenem Gamma-Synthesizer, der, so erzählt er, dem gamma-Faktor der speziellen Relativitätstheorie gemäss gestimmt ist. Das geht schnell ins Extreme.


Ihn interessiert die existenzielle Dimension: Wo bin ich? Wo ist das Sein und das Nichts? Dem spürt er musikalisch nach: künstlerisch-sinnlich. Zwei Jahre hat er an Sein/Nichts gearbeitet, vor- und nachgedacht, Gespräche geführt, weiterentwickelt. Er wagt ein Experiment. Mit der veränderten Konzertsituation soll sich die Wahrnehmung neu orientieren. Im Raum sind die Höhrenden auf sich selbst zurückgeworfen. Das ist nicht ohne Risiko - doch gerade das Risiko, das mit dem ästhetischen Ge- oder Misslingeneine existenzielle Erfahrung birgt, ist in der Neuen Musik vonnöten.


Und nun ist alles dunkel. Nichts für Klaustrophobe. Man hört schliesslich die Klänge von Franks für Nichts - lange elektronische Klänge. Man hört, man weiss um das Sein und das Nichts, die sich hier verwirklichen. Wirklich? Hat auch einige Zweifel, ob es funktioniert? Kehrt eben in den hellen Konzertraum zurück und erfährt gerade hier in diesem Klaren, dass es eben doch funktioniert. Dass die Situation sich aufgehoben hat, das wir Zuhörer zu uns gekommen sind.
Ich geb's zu: Das klingt alles sehr abgehoben, ist aber eine einfache Erfahrung, die man allerdings erstmals vermitteln muss.

Jürg Huber, NZZ, 13.12.03
Reise ins leere Zentrum
. Sein/Nichts' in der Shedhalle


'Break on trought to the other side', sang Jim Morrison von den Doors in den späten sechziger Jahren. Mittels psychedelischer Drogen sollten die Pforten der Wahrnehmung dem Unbekannten geöffnet werden. Mit künstlerischen Mitteln verfolgt der in Zürich lebende Musiker Patrick Frank eine ähnliche Absicht. Seine Performance 'Sein/Nichts', die am Donnerstagabend in der Shedhalle aufgeführt wurde, geht von einer voraussehbaren musikalischen Aufführungssituation aus, um sie dann plötzlich umschlagen zu lassen und so neue Wahrnehmungsformen zu ermöglichen.


Begonnen hatte der Abend mit zeitgenössischer Musik: Auftrittsapplaus, dann lauschte ein neugieriges Publikum in einem weissen Konzertraum einem Trio mit Rico Gubler (Saxophone), Imke Frank (Cello) und Sebastian Hofmann (Perkussion). Helmut Öhrings 'Cayabyab' entwickelte mit Atemgeräuschen des Saxophons, gestrichenen Vibraphontönen und perkussivem Cellospiel eine eigene Klanglichkeit. Beim nächsten Stück, Gary Bergers 'Zah', weitete sich der Klangraum mit von unsichtbarer Hand hinzugefügten elektronischen Klängen. Gleichzeitig fand eine physische Entgrenzung statt, als die Seitenwand des von Michel Schranz und Patrick Frank konzipierten Raums fielen und eine Stimme aus dem Off das Publikum aufforderte, die Papierwand 
neben dem Posium zu durchbrechen.


Der zweite Teil - eine Reise ins Innere. Aus dem hellen Licht des Bewusstseins trat man sozusagen in die Geborgenheit eines dunklen Raumes, in dessen Zentrum ein leeres Glas angeleuchtet wurde, über dem ein Metallreif schwebte. Erneut setzte Musik ein, diesmal von ausserhalb. Auf Edu Haubensaks 'Gestes' für Saxophon und Perkussion antwortete Patrick Frank mit eigens für die konkrete Aufführungssituation geschaffenen Stücken, die diesen quasisakralen Raum von allen Seiten beschallten. Subtile Veränderungen des Lichts (Peter Hauser, Patrick Frank) verstärkten die akustischen Eindrücke. Die Instrumentalklänge wurden zunehmend von elektronischen Ambient-Klängen überlagert, die in der nun herrschenden Dunkelheit auch bedrohliche Züge annahmen. Licht zeigte den Weg ins Freie, zurück in die Welt der Alltagsgeräusche, ins Alltagsbewusstsein.