Die Wiese

Apr 6, 2011

Klangimagination für eine Person.
Auftrag des Festivals Rümlingen 2011: ‚Drinnen vor Ort‘.

Text Festival Rümlingen:
Insgesamt 16 Komponisten und 4 Schriftsteller haben im Auftrag des Festivals, ausgehend von je einer Landschaft und Jahreszeit, Ideen zum inneren Hören entwickelt. Daraus entsteht ein großes Hör-Wander-Buch, mit dem sich der Besucher doppelt auf die Reise machen kann: Am ausgewählten Ort angekommen, entsteht die Komposition im Kopf.
Die Wiese
I. Die Wiese ist schön.
Der Blick geht weit und wird durch eine Kette von Bäumen begrenzt. Der Wald umschliesst die Wiese von allen Seiten, lässt ihr aber grosszügig Raum. Farben blinzeln durch das satte Grün, sonnengelbe, rostbraune, blutrote. Die Wiese blüht, strotzt vor Leben, erhitzt von der Sonne, gekühlt vom Baummantel. Das kriechende und summende Leben ist leise, der Wald dämpft die Geräusche, es ist still. Welche Harmonie hat die Wiese?

Stell Dir vor, wie Schumanns Klaviermusik aus den Gräsern quillt: Der Dichter spricht. – So könnte sie klingen, die Wiese. – Alles da, alles wunderbar eingegrenzt, oben der Himmel, unten das Grün, Bäume wie Beobachter in einer Manege. Und ich – ebenfalls Beobachter, auch ein Baum.

Er klingt noch immer in der Wiese, Schumanns Dichter, und ich denke ihn mir näher, den Klang, ich blende aus was nicht dazu gehört; nein, nicht störende Geräusche etwa, sie gehören zur Wiese, das Singen der Vögel oder das Windspiel. Ich denke mir den Dichter Schumann näher und versuche das Unmögliche: ich streiche Schönberg, ich lasse Wagner verschwinden, den Tristanakkord, ich tilge Stockhausen und den Ringmodulator, Boulez und pppp, Skrjabin, Einstein, ich streiche Nietzsche und lasse Gott auferstehen, eliminiere Foucault und die Biomacht, Ford und den Fordismus, die Glühbirne, das Telefon, Apple, Google, Internet, Geschwindigkeit, Säkularisierung; ich eliminiere Kräne, Porno, Adorno, Hitler, Putin, Berlusconi, Blocher, Asphalt, Strassenverkehrsregeln, Brustimplantate; Raumplanung, Zonenplanung, ich streiche die Nasa, Pluto, Raumdilattation, Rotverschiebung, Jazz und Oscar, Funk und Bootsie, Reggae und Bob, Nutella, Niedergaren, Öko-Bilanz, Co2, Fussball und Dow-Jones.
Der Dichter kommt mir näher, ich schnuppere an seiner Welt. Indes – es reicht nicht. Ich radiere AKWs aus, Wasserkraftwerke in den Alpen, Sonnenkollektoren, Tankstellen, Benzin, Aspirin, AIDS, Überfischung, U-Boote, Titanic, Computer, Flugzeuge, Challenger, Kennedy, Baudrillard und Simulakren, Donald Duck und Mickey Mouse, Existenzialismus, Derrida und Dekonstruktivismus, Ampeln, Neptun, alle Monde ausser unserem und die 4 Gallileischen, DNS, RSS, SVP, SOS, UN, TV. Ich stelle mir eine Welt vor, die all dies nicht ist, in der nichts davon erfunden oder gefunden wurde. Ist diese Welt leerer? Und wie klingt sie? Was höre ich? –

Ich konzentriere mich noch einmal und versuche zu ermessen, welch Dissonanz das Lied in einer Welt ist, die so unschuldig scheint ohne all die bunten Dinge und Menschen, die ich mir weg denke. Ich ahne, wie brutal die Kinderszenen sind in der Zeit, in der sie gedichtet wurden, 1838. Ich ahne und versuche es zu hören – vergebens. Je mehr ich mir wegdenke, desto mehr kommt mir in den Sinn, was weggedacht werden müsste. Diese Welt entgleitet mir, Schumann entgleitet mir. Die Musik Schumanns – das ist Schumanns Musik, allenfalls noch diejenige seiner Zeitgenossen.

Aber dieser Schumann ist tot, diese Zeit, diese Musik, weg, diese Kultur, diese Lebensumstände, die den Dichter voraussetzen.

Welcher Schumann klingt 2011?
II.Die Wiese ist geil.
Die lieblich im Rhythmus des Dichters wogenden Gräser werden glasig und steif. Ihr grün ist feucht, süss, künstlich. Die Süsse schmeckt hohl, die Farben leuchten prall. Und trotzdem – der Blick verfängt sich nicht, er rutscht weg wie auf glattem Eis. Wieder und wieder muss ich ins üppige Grün blicken, um die Farben zu sehen. Es überrascht mich nicht, dass sich unser Bild des leidenden Genies, unsere Vorstellung der Ikone des romantischen Lebensgefühls, unser Traum von 1838!…in Porno wandelt – unbemerkt deutlich.

Ich stelle mir vor, da sei nichts. Keine Wiese, keine Farben, keine Gräser, nichts Lebendiges. Nur der Waldrand und dazwischen Leere – nichts. Ein ausgeklügeltes System von unsichtbaren Projektoren leuchtet mir eine täuschend echte Wiese in die Leere. Ich sehe, wie die Projektoren selbst kleinste Bewegungen der Gräser nachzeichnen, Farben akkurat darstellen und mir eine grosse Show bieten. Ich bin entzückt. Und vergesse, dass hinter der Projektion nichts ist, kein Material, kein Widerstand. Was zählt ist die perfekte Täuschung und das sinnenverführendste Spektakel; kurz: das radikalste Design. Damit lässt sich die Leere wunderbar vergessen machen. Und jetzt fällt mir auf, was der Porno damit zu tun hat: Der Porno ist das durchdesignteste Produkt überhaupt, reinste Oberfläche, radikalste Reduktion auf die ‚Funktion’, der Penetration. Wenn der Körper als Design-porno-objekt umfunktioniert wird, wirken Dialoge deplaziert. Daher ist jeder Dialog im Porno lächerlich – es ist der erbärmliche Versuch, Inhalt in die Leere zu füllen. Es gibt das Designobjekt aber auch in der Neuen Musik: Reinste Oberfläche, reduziert auf die ‚Funktion’, dem unmittelbaren musikalischen Erguss. Auch da wirkt jeder Dialog (verstanden als kritischer Gehalt) lächerlich und muss als Versuch verstanden werden, Inhalt in die Leere zu füllen.

Die üppige Wiese füllt sich mit kopulierenden Paaren, ich sehe sie klar in rauhen Mengen vor mir. Überall liefern sich harte Schwänze verbissene Kämpfe um den schönsten Geigenklang. Einer hat es gar geschafft, Ligetis mikropolyphone Textur zu plagiieren und ihn als Eigenleistung zu verkaufen. Er spritzt vor Glück. Ein paar verwirrte Zuschauer fragen sich, was denn so neu sei an der Sache, die Postmoderne hätte doch haufenweise schlaffe Schwänze zu neuer Härte verholfen? „Dummköpfe!“ schreit ein glatt poliertes Exemplar, „heute zitieren wir nicht die Noten sondern klauen die Attitüde, kein Patchwork von Partituren, sondern das Copy-Paste von Emotionalitäten – und all dies unter dem Verkaufsargument des Originals! Wer erkennt, dass unsere Schwänze aus Plastik sind? Niemand! Sie spritzen gar heftiger als Eure!“ Die Zuschauer sind eingeschüchtert. Sie verstummen. Die geballte Geilheit narkotisiert den letzten Funken Gehirn. Das ist so originell! Ich sehe neue Genies aufkommen! Ich sehe neue Schumanns auferstehen! Die Wiese glüht. ¬–

Ich stelle mir Pornomusik vor.
Ich stelle mir Neue Musik als Pornomusik vor.
Was klingt?
III. Die Wiese ist langweilig.
Die Orgie beginnt mich zu langweilen, die Wiese beginnt mich zu langweilen. Sowohl Schumanns Geniekitsch als auch der NeueMusikPorno können meine Aufmerksamkeit nicht halten. Beide laben sich an der süssen Honigmilch der Vergangenheit. Die Ähnlichkeit (oder Qualität) ist weniger musikalischer Art, sondern vielmehr strategischer: Zuerst deklariere ich die Ikonen unserer Kultur, dann ermächtige ich sie mir. Und schon bin ich selbst ein Teil davon!
Langweilig.

Nun liegt die Wiese einfach so da, wie sie ist. Genügsam, gelangweilt, ahnungslos. Was kümmert sich die Wiese darum, was die Menschen alles auf ihr treiben. Sie weiss, dass sie nur dann spannend ist, wenn auf ihr inszeniert wird, was sie selbst nicht ist. Die Menschen sagen: Schau, welch liebliche Wiese! Und meinen sich selbst. Sie kennt dieses Spiel.

Ich höre Musik, die so langweilig ist, dass ich sie nach kurzer Zeit nicht mehr höre.
Was klingt? –

Aber – nicht nur die Wiese ist langweilig, es scheint, als sei unsere Kultur unvorstellbar langweilig. Die Dinge haben sich längst darauf eingestellt, innert Kürze ersetzt zu werden. Quartal für Quartal werden langweilige Neuigkeiten heruntergeleiert: Neue Computer, neue Autos, neue Moden, neue Trends, neue Prognosen, neue Wachstumssorgen. Alles Neue verläuft in geregelten Bahnen. Wenn das Neue erwartet wird und sogar institutionalisiert ist – ist es dann neu?

Das Neue ist so langweilig, dass es sofort ersetzt werden muss! Das Neue ist so alt, dass es sofort ersetzt werden muss! Das Neue ist so alt, dass es sofort durch ein Neues, dass eigentlich alt ist, aber sich als Neues gibt, ersetzt werden muss! Neu und alt verschmelzen. Alt und neu verschmelzen. Ich beginne zu halluzinieren…

Neu ist also nichts davon, es ist die redundanteste Redundanz, die vorstellbar ist. Lässt sich etwas reibungslos ersetzen, schmiegt es sich glatt ins Bestehende, ist das (neu) Ersetzte nicht neu. Neues hinterlässt Brüche im redundanten Fluss des Ersetzbaren.
Wer also glaubt, es gäbe in diesem redundanten Strom Neues, schwimmt eifrig mit. Das Neue kann nicht schwimmen! Nur der Schein des Neuen schwimmt. Analog gibt es eine Neue Musik und eine neue Musik. Die eine kann schwimmen, die andere nicht.

Ich stelle mir Neue Musik vor.
Ich stelle mir neue Musik vor.
Was klingt? –
IV. Die Wiese ist eine Halluzination.
Meine Sinne irren nicht. Da ist eine Wiese; ob schön, langweilig oder geil sei dahingestellt. Ich sehe sie, sie ist real. Welche Realität aber ist die Realste? Welche Realität zählt? Wir haben viele Realitäten zur Wahl: reale Realitäten, virtuelle Realitäten. Virtuelle Realitäten, die zu realen Realitäten werden. – Eine reale Realität? Was ist das im Gegensatz zur Realität? Wo liegt der Unterschied?

Wenn die Realität durch unser soziales Umfeld und der Gesellschaft konstituiert wird, kann ich über die Realität der Wiese nicht allein entscheiden. Wenn in der gesellschaftlichen Realität alt und neu nicht mehr alt und neu sind, sondern allenfalls ein alt, das vorgibt alt zu sein und ein neu, das vorgibt neu zu sein – dann kann ich mich diesem Spiel nicht entziehen. Wenn der Schein – oder: die Show, die Inszenierung, die Maske, die Kunst – allgegenwärtig ist, ist der Alltag maskenhaft. Die Realität eine Halluzination.

Ich stelle mir vor, wie diese Wiese in Google Earth aussieht. Ich zoome sie ganz nah heran. Ich vergleiche dieses Bild mit dem, was ich jetzt sehe. Es erscheint mir unvorstellbar, dass das leere virtuelle und das reiche reale Bild miteinander verschmelzen. Und doch passiert es.

Erst suchte die Kunst die Nähe zum Alltag, jetzt sucht die Virtualität die Nähe zum Alltag. Erst verschmolzen Kunst und Alltag, jetzt verschmelzen Virtualität und Alltag.

Ich selbst bin Teil des Verschmelzens: In der Massenindividualisierung wurde ich massenindividualisiert. Das Spiel hat gerade erst begonnen: Der Populismus verschmilzt zur politischen Avantgarde: Regierende Partei und Opposition in einem; die künstlerische Avantgarde verschmilzt zum Pop(ulismus), etc.

Wenn rechts mit links verschmolzen ist, schreit der Schein des Rechten um so lauter.
Auch in der Musik?

– Was kümmert sich die Wiese darum, was die Menschen auf ihr treiben.
Was kümmern sich die Menschen darum, was die Wiese ist. –

Sie haben sich mit dem Leben im Schein, als Maske und Halluzination arrangiert. Ob Porno, Geniekitsch oder gähnende Langeweile: Lass mich diese unerträgliche Inhaltsleere füllen, abfüllen, zumüllen, vollspritzen. Lass mich ein solch aussergewöhnliches Spektakel inszenieren, bis der Effekt den Schein gewaltsam installiert.

Ich will diese Harmonien, diese Rhythmik, diese Geigen nicht mehr hören; denn sie sind nicht, wie sie zu sein vorgeben.
V. Die Wiese ist.
Wir leben nicht mehr den avantgardistischen Traum, Kunst mit dem Alltag zu verschmelzen. Heute ist die Kunst längst mit dem Alltag verschmolzen. Und weil die Kunst mit dem Alltag verschmolzen ist, ist es heute alltäglich, Kunst zu machen, aber eine Kunst, Alltag zu machen, Realität zu zeigen.
VI. Die Wiese.
Ich stelle mir eine Musik vor, die gleichzeitig künstlich und alltäglich ist. –

die gleichzeitig atonal und tonal ist. –
die gleichzeitig neu und alt ist. –
die gleichzeitig die Masse und die Klasse bedient. –
die gleichzeitig Kopie und Original ist. –
die gleichzeitig schlecht und gut komponiert ist. –
die gleichzeitig würdevoll und erbärmlich ist. –
die gleichzeitig reell und virtuell ist. –
die gleichzeitig langweilig und spannend ist. –

Ich stelle mir eine Musik vor, die gleichzeitig Musik und Theorie ist. –

Nun stehe ich da, vor dieser Wiese, die so unschuldig und toxisch vor sich hin vegetiert, und sinniere über Kunst und Musik. Ohne Musik, ohne Bühne, ohne Inszenierung. Real.